Ohne Sinne keine Sprachentwicklung

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, ist es bereits mit zahlreichen Fertigkeiten ausgestattet, die für den Spracherwerb und für die kindliche Sprachentwicklung notwendig sind. Neben den biologischen Voraussetzungen bilden die verschiedenen Sinne des Kindes eine wesentliche Grundlage für seine sprachliche Entwicklung: der Tastsinn, der Gleichgewichtssinn, der Hörsinn und der Sehsinn. Gut entwickelte basale Wahrnehmungsfähigkeiten stellen die Voraussetzung für den Erwerb sprachlicher Fähigkeiten dar.

“Das Kind steigt mit schlafwandlerischer Sicherheit in den Prozess der Sprachaneignung ein, weil es ja – gottlob – keine Ahnung von der Schwierigkeit der Aufgabe hat, die ihm bevorsteht. Sonst würde es … gar nicht erst damit anfangen.” (Hannelore Grimm)

 Audititve Wahrnehmung

Für die Sprachentwicklung ist die auditive Wahrnehmung, also die Fähigkeiten rund ums Hören, von ganz besonderer Bedeutung. So können die Kinder die Sprache ihrer Eltern wahrnehmen und mit zunehmendem Alter immer mehr einzelne Sprachlaute identifizieren und zuordnen. Abhängig ist die auditive Wahrnehmung des Kindes einerseits von seiner Fähigkeit, aufmerksam lauschen zu können. Andererseits muss ein Kind lernen, die verschiedenen Reize, zum Beispiel die gesprochenen Worte lokalisieren (also, erkennen, woher sie kommen) und filtern (also wichtige Geräusche von Nebengeräuschen trennen).

Taktil-kinästhetische Wahrnehmung

Zur taktil-kinästhetischen Wahrnehmung gehört die bewusste Bewegungssteuerung, die Fähigkeit, die eigene Spannung gezielt einsetzen zu können. Bereits mit wenigen Wochen beginnen Kinder ihre Mund- und Zungenbewegungen immer bewusster zu gestalten und zunehmend aufeinander abzustimmen. Das sind elementare Vorübungen für den späteren Sprechvorgang, denn um ganz bewusst Laute bilden zu können, sind eine zielführende Anspannung der Lippenmuskulatur und eine Steuerung der Zunge erforderlich. Daneben gehoren auch Tasterfahrungen zur taktil-kinästhetischen Wahrnehmung. Gerade diese Tasterfahrungen sind für die kindliche Sprachentwicklung sehr wichtig, denn sie stellen eine Grundlage des Wortschatzerwerbs dar. Über den Tastsinn kann ein Kind Begriffe wie leicht, rund, weich, samtig oder nass direkt „begreifen“.

Visuelle Fähigkeiten

Mit den Augen treten die Kinder über den Blickkontakt zur Bezugsperson in eine Interaktion und können so über das Mundbild Sprache nachahmen. Kinder entdecken über Augen ihre Umwelt und schauen sich die Mundbilder von anderen beim Sprechen ab und versuchen sie nachzuahmen. Die visuelle Wahrnehmung ist wichtig für altersgemäße Artikulation.

Zur visuelle Wahrnehmung gehören:

  • die visuomotorische Koordination (Fähigkeit, das Sehen mit den Bewegungen des Körpers zu koordinieren)
  • die Figur-Grund-Wahrnehmung (Lenkung der Aufmerksamkeit auf den wichtigsten Reiz aus einer Vielzahl verschiedener Reize)
  • die Wahrnehmungskonstanz (Wiedererkennen eines Gegenstandes auch wenn der Blickwinkel jeweils ein unterschiedlicher ist)
  • die Raum-LageWahrnehmung (Fähigkeit zur Erkennung der eigenen Lage im Raum: rechts, links, davor und dahinter)
  • die Wahrnehmung räumlicher Beziehungen (Erkennen der räumlichen Beziehungen verschiedener Objekte zueinander)
  • die Formwahrnehmung (Fähigkeit, Formen von einander zu unterscheiden und Paare zu bilden)
  • die Farbwahrnehmung (Sehen und Unterscheiden von Farben)
  • das visuelle Gedächtnis (sich an Gesehenes erinnern zu können)

Motorische Fähigkeiten

Die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten sind wesentlich für den Spracherwerb, zum Beispiel für zielgerichtete willentlich gesteuerte Lippen- und Zungenbewegungen. Über die eigene Bewegung und die Zunahme des Einflusses auf die eigene Körperstellung lernt das Kind sich selbst und andere einzusortieren. Dies ist notwendig, wenn ein Kind den Satz: „ Ich liege auf dem Rücken auf dem Bett“ sprechen und verstehen will. Grobmotorische Fähigkeiten (Krabbeln, Laufen etc.) ermöglichen dem Kind, seinen Zugriffsradius auf Dinge zu erweitern und so das Erlernen verschiedener Verben wie zum Beispiel laufen, springen, sitzen, hüpfen. Die feinmotorischen Fähigkeiten, wie greifen, berühren, Berührungsreize entschlüsseln, Kraft dosieren und Spannungszustände der Mundmuskulatur zu kontrollieren, sind von großer Bedeutung, um zu Gegenständen zu gelangen, die man „begreifen“ möchte.

Bildquelle Titelbild: © Vitalinka / shutterstock.com


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2018-08-22T21:12:12+00:00Von |

Über den Autor:

Annett Leisau, Diplom-Sozialpädagogin, vermittelt Unternehmern als Coach und Trainerin fachliche, methodische und soziale Kompetenzen in den Bereichen Konflikt-, Selbst- und Zeitmanagement, Kommunikation und Rhetorik. Als Dozentin informiert sie elementarpädagogische Fachkräfte über Alltagsintegrierte Sprachbildung, Besonderheiten im Mehrspracherwerb und im Bereich Interkultureller Pädagogik.
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